Mein Freund Moritz mag keine Feste. Dezember 4, 2007
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Mein Freund Moritz mag keine Feste. Offizielle Feiern sind ihm ein Gräuel, weil der Weg zum Buffet fast immer mit endlosen Reden und Grußworten gepflastert ist.
Privaten Festen misstraut er nicht minder. »Du bist zu einer Fete eingeladen, kannst dich nicht drücken, gehst also hin und während du noch einen Parkplatz suchst, kommen dir schon Leute mit Salatschüsseln entgegen. Bäh. Da weisst du schon gleich, was dich erwartet: Nudelsalat, matschiger Kartoffelsalat, Reissalat und Tiramisu. Igitt!«
Wir saßen gerade bei Moritz’ Lieblingsitaliener, hatten einen kleinen Mittagsimbiss hinter uns und brachten uns nun mit Kaffee und Grappa in Form für einen arbeitsreichen Nachmittag.
»Aber Moritz«, versuchte ich die Empörung zu dämpfen, »so etwas gibt es doch in deinen Kreisen überhaupt nicht mehr. Wann warst du denn das letze Mal auf einer Fete, wo die Leute das Essen mitgebracht haben? Das muss ja wohl kurz nach dem Studium gewesen sein.« »Ha, glaube das mal ja nicht. So was gilt als schick, nennt sich natürlich nicht offiziell »Meiers geben ein Fest«, sondern »Du, wir treffen uns kommenden Samstag bei Fred und Moni ganz zwanglos. Fred hat leckeren Wein aus der Toskana mitgebracht. Kannst du vielleicht deinen tollen Kartoffelsalat machen, den mit den Datteln drin?« Moritz sah wirklich deprimiert aus. Eine Zornesfalte teilte seine Stirn. »Und: Jeder von denen, die mit ihren Salatschüsseln angewanzt kommen, könnten mit Leichtigkeit ein üppiges Büffet vom Feinsten spendieren. Tut aber keiner. Warum? Weil sie diese ewig gleichen Büffets natürlich leid sind. Müssen ja schließlich schon der Karriere wegen dauernd zu solchen Veranstaltungen. Ich übrigens auch.« Moritz schüttelte angewidert den Kopf und langte erneut zur Grappaflasche.
»Was machen denn die Vorbereitungen für dein Fest? Was gibt es denn da zu Essen?
Wenn ich sage, dass Moritz keine Feiern mag, so stimmt das nicht ganz. Was er durchaus schätzt, sind seine eigenen Feten. Hier läuft alles nämlich nach seinem Gusto und er aalt sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und wenn ihm das Spektakel zu entgleisen droht, dann pflegt er flugs zum Mikro zu greifen und mit launigen Worten oder der vollmundigen Ankündigung des nächsten Programmpunkts die ganze angetrunkene Bagage wieder einzunorden.
Moritz’ Sommerfest – oder besser das seiner Agentur – ist ein Pflichttermin für alle Angestellten, freie Mitarbeiter, wenn sie es bleiben wollen und solche, die es mal werden wollen. Sie bilden die Staffage. Statisten, die sich vom Regisseur hierhin und dorthin kommandieren lassen müssen. Die gute Laune verbreiten müssen, applaudieren und johlen, wenn jemand auf der Bühne irgendetwas zum Besten gegeben hat. Sie tun das gerne, werden sie doch üppig abgefüllt mit durchaus gehobenen Weinen und besten Speisen. (Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass es bei Moritz nie ein Buffet gegeben hat, höchstens mal ein Salatbüffet als Alibi.)
Die nächste Stufe auf der Gästeliste nehmen Moritz Freunde ein (zu denen ich mich zählen darf, obwohl ich mich manchmal auch durchaus zur unteren Schicht der freien Mitarbeiter, die es bleiben wollen, zugehörig fühle). Um seine guten Freunde – und empörend viele gute Freundinnen – kümmert er sich sehr aufopfernd höchstpersönlich. Scherzt launig, empfiehlt hier den Prosecco, lässt dort eine heimliche Flasche vom »wirklich guten« Wein öffnen, leitet Führungen durchs ganze Haus und zeigt stolz, was es alles neues gibt, seit der Fete vom letzten Jahr. Allerdings nur während der ersten zwei Stunden. Während dieser Zeit haben seine guten Freude/innen folgende Aufgaben:
1. Überschwängliche Begrüßung mitten auf der Terrasse (gut einsehbar für alle Anwesenden), mit Bussi-Bussi hier und »ewig nicht mehr gesehen, gut schaust du aus da.«
2. Annehmen des angebotenen Getränks. Schnelles Trinken ist gefragt, denn die guten Freunde haben auch gute Laune.
3. Energisches bis wehleidiges Betteln nach einer Betriebsführung (»Ooch bitte, bitte, für uns doch mal rum, ich war schon sooo lange nicht mehr hier«). Dieser Part wird in der Regel von den guten Freundinnen aufgeführt.
4. Begeisterung zeigen, bei allem, was der Zeremonienmeister beim folgenden Rundgang präsentiert.
5. Anschließend in eine Ecke verdrücken, untereinander klar kommen und unablässig gute Laune und tolle Stimmung verbreiten.
Nach etwa zwei Stunden gibt es etwas zu essen. Was, weiss man in der Regel vorher nicht, es ist aber immer saulecker. Pünktlich zu diesem Ereignis erscheinen die Stars des Abends: die Kunden – möglichst in Begleitung. Ihnen ist nun die ungeteilte Präsenz des Meisters gewiss. Für die Eingeweihten unter uns (Angestellte, freie Mitarbeiter) setzt nun der erste Attraktion des Abendprogramms ein (»Ach, dass der gekommen ist, hätte ich aber wirklich nicht gedacht.«, »Was hat diiie denn an, meine Güte« usw. usw.)
Während die VIPs sich nun der zuweilen etwas klebrigen Aufmerksamkeit des Gastgebers erfreuen dürfen, können sich der zweite und der dritte Stand nun aller Zwänge ledig, sorglos einem durchorganisierten Sommerfest der Spitzenklasse hingeben.
»Was hast du gerade gesagt?«
Ich habe dir gerade im Detail verraten, was auf unserem Sommerfest zu essen geben wird. Aber wenn du nicht zuhörst, dann musst du eben wie alle anderen warten, bis es soweit ist. Und Grappa kriegst du jetzt auch keinen mehr.«
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